Institutional Gothic
Oliver Koerner von Gustorf
Lisa Herfeldts Skulpturen gleichen vergessenen Vitrinen aus Museen oder Laboren, gläsernen, mehrstöckigen Särgen, abstrahierten, skelettierten Häusern. Durchzogen von mit Magazinen ausgestopften Zwischendecken, bevölkert von Würmern oder Würsten aus Silikonschaum, die Lebewesen oder Nachformungen von Röhren und Hohlkörpern sein könnten, die sich durch Decken und Kompartimente bohren, vermitteln diese auf weißen Sockeln installierten Plexiglasarchitekturen beides: klinische, kalte Reinheit und prekären Verfall. Dabei lassen sie an den Post-Minimalismus von Eva Hesse denken, an ihre mit weichen Vinylröhrchen ausgekleideten Stahlkuben wie Accession IV (1968), an die Silikonwürmer oder hodenförmigen Objekte, die sie von der Decke baumeln ließ. Wie Hesse oder Paul Thek, der für seine Technological Reliquaries oder meat pieces Mitte der 1960er-Jahre verwesendes Fleisch und Körperteile aus Bienenwachs nachformte und in Plexiglascontainer einschloss, spielt auch Herfeldt in ihren Skulpturen das Glatte, Industrielle gegen das Organische und Vergängliche aus und arbeitet mit den Kontrasten zwischen hart und weich, Gewalt und Poesie.
Auch wenn die Reminiszenz an Post-Minimal unübersehbar ist, sind Herfeldts Werke lakonischer, trockener, auf gewisse Weise böser, haben die Aura von Simulakren oder Memes und greifen Tropen aus der aktuellen Internetkultur, aus Filmen und Streaming-Serien auf. Die Skulpturen der Berliner Künstlerin scheinen wie geschaffen für das Zeitalter des „Liminal Horror“. Dieses Genre ist verbunden mit der Vorstellung, dass hinter unseren Wänden, in unseren Kellern, in den Zwischenräumen zwischen Verschalung und Decke andere, unheimliche Räume liegen. Diese haben zwar gewisse Ähnlichkeit mit vertrauten Räumen und Architekturen. Doch sie sind irgendwie falsch, zu labyrinthisch, dysfunktional, unmenschlich zusammengesetzt, beängstigend leer und zugleich voll von unbewältigten Ängsten, Traumata und Erinnerungen.
Verwurzelt in der literarischen Tradition des Gothic, in Klassikern wie Edgar Allan Poes The Fall of the House of Usher, H. P. Lovecrafts The Dreams in the Witch House oder Shirley Jacksons The Haunting of Hill House, ist der Liminal Horror heute ein boomendes Genre des Spätkapitalismus, das seinen Weg aus der Internetkultur, dem Gaming und den Creepypastas (Horrorgeschichten, die sich mit Copy-and-paste im Internet verbreiten) in den Mainstream gefunden hat. Das zeigen Streaming-Serien wie Severance oder Pluribus sowie der Blockbuster-Horror Backrooms, der nach einer viralen YouTube-Serie entstand.
Die verfallenen Herrenhäuser von einst sind heute heruntergekommene, merkwürdig menschenleere Bürokomplexe, Terminals, Shopping-Malls voller endloser Flure, gläserner Besprechungsräume und schmutzabweisender Auslegware. Der neue Gothic-Horror ist hell, flackernd, hart. Sein Schrecken ist die unerklärliche Abwesenheit alles Menschlichen. An die Stelle von wahnsinnigen Aristokraten und aussterbenden Blutlinien treten seelenlose Tech-Konzerne oder Institutionen, unerbittliche Bürokratien, undurchsichtige, kafkaeske Produktionsabläufe. Ein Subgenre des Liminal Horrors ist das „Institutional Gothic“, wobei die entpersonalisierte, gesichtslose Corporation, die Institution, die Nightmare von einst ersetzt hat. Die verlassenen Arbeits- oder Konsumstätten werden von verlorenen, nicht eingelösten Zukunftsvisionen des Neoliberalismus heimgesucht.
Liminal Space hat in Herfeldts Werken eine kritische Dimension. Demokratien sterben nicht schlagartig, sondern langsam. Die Vergangenheit ist bereits tot und obsolet, die Zukunft aber noch nicht eingetreten. Wir befinden uns in einer Art Echokammer, gefangen in einem geisterhaften Zustand der Stagnation. Herfeldts Plexiglas-Architekturen greifen auch die aktuelle Misere in den Museen und kulturellen Institutionen auf, die von autoritären, rechten Kräften demontiert werden oder sich im vorauseilenden Gehorsam selbst abschaffen. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie und was erinnert werden soll, wie Kolonialgeschichte, Faschismus und Totalitarismus angesichts der reaktionären Politik weiter aufgearbeitet werden könnten. Die Frage ist eher: Wer erinnert sich, wenn die Zivilisation untergegangen ist, keiner mehr da ist, der oder die sich an die Menschheit erinnert?
Herfeldts modellartige, transparente Container erscheinen lediglich wie das Echo von Post-Minimal, einer progressiven Kunstform, die zwischen 1965 und 1975 für die westliche Kunst ebenso revolutionär war wie die klassische Moderne oder die Nachkriegsmoderne. Post-Minimal opponierte gegen minimalistische, theoretische, geometrische Reinheit, reagierte auf den Vietnamkrieg, Studentenrevolten, die Bürgerrechtsbewegung und sexuelle Befreiung. Der „schmutzige“, emotional und sexuell konnotierte Minimalismus von Eva Hesse und Paul Thek, Happenings, partizipative Arbeiten, Performancekunst, Bruce Naumans psychologisch aufgeladene Filme und Skulpturen, die sozialen und architektonischen Interventionen von Dan Graham oder Gordon Matta-Clark – all diese Phänomene sind mit dem progressiven Denken des Post-Minimal eng verknüpft, das heute quasi die formale Folie für aktuelle politische Kunst bildet.
Doch bei Herfeldt blicken wir auf die Ruinen dieses postmodernen Aufbruchs. In ihren Vitrinen hallt die Ära der Ölkrise, des Vietnamkriegs und der RAF-Generationen nach – eine Zeit, in der sich die Erwachsenen am Mittagstisch Prognosen des Club of Rome zuflüsterten, dass in 25 Jahren alles vorbei wäre, in der im Kinderfernsehen Trickfilme über Umweltverschmutzung liefen – aber alle dachten, es liefe fortschrittlich weiter, wenn nur einige Korrekturen vorgenommen würden. Die Schöner-Wohnen-Magazine aus den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren, die in einer der Skulpturen wie dekoratives Dämmmaterial in einen Hohlraum zwischen zwei Böden geklemmt wurden, propagieren den dazu passenden „progressiven“ Wohnstil.
Doch diese fortschrittliche Utopie verfiel, genau wie das sogenannte „Zentrum Kreuzberg“ in Berlin – ein im Rahmen des „Sozialen Wohnungsbaus“ zwischen 1969 und 1975 errichteter Hochhausblock am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. Hier hat Herfeldt ihr Atelier. Für das Gebäude, das auch als Schallschutz für eine mehrspurige Autobahn geplant war, wurde ein gesamtes Altbauviertel abgerissen und alle Mieter vertrieben. Lange war es wegen sozialer Probleme, Kriminalität und Drogenhandel berüchtigt.
Die radikale Sanierung des Platzes durch Investoren, die mit anonymen Ladenpassagen im Stil eines lichtlosen „Bazars“ auch ein Zeugnis einer rein funktionalen, profitorientierten Männer-Moderne war, führte zu unzähligen Hausbesetzungen und Straßenschlachten, die die alternative Kultur Kreuzbergs bis heute geprägt haben. Diese hat paradoxerweise Expats, Hipster und Immobilienspekulanten angezogen und die Mieten in astronomische Höhen getrieben, während unendlich viele Büroflächen aus den Zeiten des Start-up-Booms nach der Jahrtausendwende wieder leer stehen: in Berlin insgesamt 1,9 Millionen Quadratmeter Liminal Space.
Herfeldt hat alte, bei einem Wasserschaden beschädigte Mineralfaserplatten, mit denen die Decke ihres Arbeitsraums, eines ehemaligen Büros, abgehängt war, in ihre Skulpturen eingearbeitet. Das extrem billige Material, in das auch eine Putzstruktur hineingepresst wurde, steht im Kontrast zu den Sockeln der Skulpturen. Diese sind aus Polymergips gefertigt, einem innovativen Gussmaterial, das hitzebeständig, wasserfest und schrumpffest ist, vor allem aber matt und glatt. Herfeldts posthumane Kuben erinnern in dieser Kombination aus Low- und Hightech an verlassene Laborsituationen, wie man sie aus Science-Fiction-Filmen wie dem Alien-Zyklus kennt. Eine Crew aus der Zukunft entdeckt die missglückten Experimente der Vergangenheit. Doch beide Materialien, Mineralfaser und Polymergips, haben etwas gemeinsam: Sie verrotten oder kompostieren nie, sondern zerfallen lediglich zu Mikroplastik oder Gel, wie der Silikonschaum, aus dem die Würmer gegossen wurden. Vielleicht werden sie irgendwann von außerirdischen Forschern gefunden – als Zeichen unserer aus dem Ruder gelaufenen, nicht eingelösten Utopien.
Institutional Gothic
Oliver Koerner von Gustorf
Lisa Herfeldt’s sculptures resemble abandoned display cases from museums or laboratories: glass coffins divided into compartments or skeletal, abstract houses. Permeated by suspended ceilings stuffed with nostalgic interior-design magazines and populated by alien worms or silicone-foam sausages—which could be living creatures or reproductions of tubes and hollow bodies—these Plexiglas architectures, installed on white plinths, convey both clinical sterility and precarious decay. In doing so, they bring to mind the Post-Minimalism of Eva Hesse, as represented by her steel cubes lined with soft vinyl tubes, such as Accession IV (1968), and the silicone worms or testicle-shaped objects she let dangle from the ceiling. Like Hesse and Paul Thek, who in the mid-1960s created wax models of decaying flesh and body parts for his ‘Technological Reliquaries’ and ‘meat pieces’, enclosing them in Plexiglas containers, Herfeldt, too, contrasts the sleek industrial with the organic and ephemeral in her sculptures. She works with contrasts of hard and soft, violence and poetry.
Even though the resonances of post-minimalism are evident, Herfeldt's works are more laconic, drier, and, in a certain sense, more sinister, possessing the aura of simulacra or memes and drawing on tropes from contemporary internet culture, films, and streaming series. The Berlin-based artist’s sculptures seem tailor-made for the age of ‘liminal horror’. This genre is linked to the notion that other, eerie spaces lie behind our walls, in our cellars, and in the spaces between claddings and ceilings. These spaces bear a certain resemblance to familiar rooms and architectures. Yet they are somehow wrong: too labyrinthine, dysfunctional, and eerily constructed, and simultaneously full of unresolved fears, traumas, and memories.
With roots in the literary tradition of the Gothic and classics such as Edgar Allan Poe’s The Fall of the House of Usher, H. P. Lovecraft’s The Dreams in the Witch House, and Shirley Jackson’s The Haunting of Hill House, liminal horror has become a booming genre of late capitalism. It has found its way from internet culture and gaming, as well as creepypastas (viral horror stories spread via copy and paste on the internet), into the mainstream. This is evident in streaming series such as Severance and Pluribus, as well as the blockbuster horror film Backrooms, created following a viral YouTube series of the same name.
The dilapidated mansions of yesteryear have become run-down office complexes, terminals and shopping centres full of endless corridors, glass-walled meeting rooms and stain-resistant carpeting. The new Gothic horror is bright, flickering and harsh. Its terror lies in the inexplicable absence of human presence. Mad aristocrats and dying bloodlines have been replaced by soulless tech corporations or institutions and Kafkaesque production processes.
A subgenre of liminal horror is ‘institutional gothic’, in which depersonalised, faceless corporations and institutions have become the nightmares of today. Abandoned workplaces and consumer venues are haunted by the abandoned utopian visions of the future espoused by neoliberalism.
In Herfeldt's works, liminal space takes on a critical dimension. Democracies do not die suddenly, but slowly. The past is dead and obsolete, yet the future has not begun. We find ourselves trapped in a ghostly state of stagnation, like an echo chamber. Herfeldt’s Plexiglas architectures also address the current crisis facing museums and cultural institutions, which are either being dismantled by authoritarian, right-wing forces or abolishing themselves through pre-emptive obedience. The question is not merely how and what should be remembered, or how colonial history, fascism and totalitarianism might continue to be addressed in the face of reactionary politics. The question is rather: Who will remember when civilisation has collapsed and there is no one left to remember humanity?
Herfeldt’s model-like, transparent containers, don’t quote but merely give a nod to Post-Minimalism, a progressive art form that was as revolutionary for Western art between 1965 and 1975 as modernism was for the early 20th century. Post-Minimalism opposed the theoretical, geometric purity of Minimalism. It responded to the Vietnam War, student revolts, the civil-rights movement, and sexual liberation. The ‘dirty’, emotionally and sexually charged minimalism of Eva Hesse and Paul Thek; happenings; participatory works; performance art; Bruce Nauman's psychologically charged films and sculptures; and the social and architectural interventions of Dan Graham and Gordon Matta-Clark are all closely linked to the progressive ideas of post-minimalism. These concepts effectively form the backdrop to contemporary political art today.
Yet in Herfeldt, we are looking at the ruins of this postmodern awakening. The era of the oil crisis, the Vietnam War, and the RAF generation still echoes in her display cases—a time when adults whispered at the lunch table about the Club of Rome’s predictions that it would all be over in 25 years, and when children’s TV showed cartoons about environmental pollution. But everyone thought that, with a few adjustments, things would continue to progress. The ‘progressive’ lifestyle promoted in the Schöner Wohnen magazines of the late 1970s and early 1980s is reflected in one of the sculptures, where the magazines have been wedged like decorative insulation material into a cavity between two floors.
However, this progressive utopia has fallen into disrepair, much like the ‘Zentrum Kreuzberg’ in Berlin—a block of high-rise flats built as part of the ‘social housing’ programme between 1969 and 1975 at Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. This is where Herfeldt has her studio. An entire old neighbourhood was demolished and all the tenants were evicted to make way for the building, which was designed to serve as a noise barrier for a multi-lane motorway. For a long time, the area was notorious for social problems, crime, and drug dealing.
The area’s radical redevelopment by investors—which, with its anonymous shopping arcades reminiscent of a dark ‘bazaar’, was also a testament to purely functional, profit-driven, masculine modernism—led to countless squatting incidents and street battles that continue to shape Kreuzberg's alternative culture to this day. Paradoxically, this has attracted expats, hipsters, and investors, pushing up rents to exorbitant levels, while vast amounts of office space from the start-up boom after the turn of the millennium stand empty once more, totalling 1.9 million square metres of liminal space in Berlin.
Herfeldt has incorporated old, water-damaged mineral fibre boards, which were used to suspend the ceiling of her studio (a former office), into her sculptures. This inexpensive material, which has a pressed-plaster texture, contrasts with the pedestals of the sculptures. These were made of polymer plaster, an innovative casting material that is heat-resistant, waterproof, shrink-resistant, and, above all, matt and smooth. This combination of low and high tech makes Herfeldt’s posthuman cubes reminiscent of the abandoned laboratory settings seen in science-fiction films such as the Alien series. The failed experiments of the past are discovered by a crew from the future. Yet both materials, mineral fibre and polymer plaster, have something in common: neither rots nor composts, merely disintegrating into microplastics or gel, like the silicone foam from which the worms were cast. Perhaps one day they will be found by alien researchers as a sign of our utopian visions that ran amok and were ultimately unfulfilled.